Herr Dur und Frau Moll

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Leseprobe

Ein Limerick als Vorwort und die ersten zwei Sätze der Titelgeschichte aus „Herr Dur und Frau Moll“.

Anstelle eines Vorwortes

Es war ein Tenor aus Bergkamen,
der glaubte, die Stimm’ würd’ erlahmen.
Drum nahm er sich vor:
Jetzt werd’ ich Autor –
und schrieb musikalische Dramen.

(Annette und Herbert und Müller, ehemalige Chorgeschwister)

Herr Dur und Frau Moll

Ein Streit in vier Sätzen

1. Satz: Allegro mit Brötchen

Es war ein Dienstagmorgen. In der Bäckerei ‚Zur knusprigen Quinte‘ lag noch genau ein Brötchen im Korb.

Herr Dur, der Trompeter, betrat den Laden pfeifend, wie immer, mit einer Melodie, die schon im Türrahmen zu strahlen begann. Gleichzeitig trat Frau Moll ein, die Posaunistin, mit einem tiefen Seufzer, der in der Terz kurz nach unten abrutschte und dort hängen blieb.

Beide griffen nach dem Brötchen.

„Verzeihung“, strahlte Herr Dur, „das ist meins. Der frühe Vogel, wissen Sie? Der Tag ist so wunderbar hell, da muss man einfach zugreifen!“

„Hell“, wiederholte Frau Moll, als handle es sich um eine Fehldiagnose. „Sie meinen grau. Draußen sind es fünf Grad und ab Mittag regnet es. Ich habe den Schirm dabei, weil ich vorbereitet bin. Sie haben nicht mal einen Schal um. Sie werden sich erkälten, und dann werden Sie es Schicksal nennen.“

„Es wird schon nicht regnen.“

„Es regnet immer. Irgendwann.“

„Das ist keine Wettervorhersage, das ist eine Lebenseinstellung!“

Hinter der Theke senkte Frau Quinte langsam die Brötchenzange. Sie kannte die beiden. Einzeln waren sie reizend. Zusammen waren sie ein Kammerkonzert, in dem jeder Musiker sein eigenes Stück spielte, und zwar lauter als die anderen.

2. Satz: Adagio ma non troppo mit Seitenhieben

„Dur ist einfach die schönere Tonart“, verkündete Herr Dur und stellte sich in Positur. „Denken Sie an Beethovens Neunte! An die Marseillaise! An ‚Alle meine Entchen‘! Dur macht Mut. Dur baut auf. Dur lässt den Zug pünktlich kommen.“

„Der Zug kommt nie pünktlich.“

„Er kommt bestimmt gleich!“

„Deshalb stehen Sie immer stundenlang am Bahnsteig.“

„Das ist Optimismus!“

„Das ist Obdachlosigkeit mit Blumenstrauß.“ Frau Moll richtete sich zu ihrer ganzen Größe auf. „Moll hat Tiefe, Moll hat Charakter. Schubert! Chopin! Mozarts Requiem! Wer in Moll fühlt, der fühlt richtig. Dur-Leute sind doch nur Menschen, die noch nie etwas Schlimmes erlebt haben, weil sie zu dämlich waren, es zu bemerken.“

„Wie bitte?“

„Sie haben mich schon verstanden. Gestern haben Sie vor der Mülltonne ‚Hurra‘ gerufen.“

„Sie war leer!“

„Ich habe Sie dabei beobachtet. Sie haben getanzt.“

„Das war ein kurzer Schritt.“

„Es war ein Walzer, Herr Dur. Mit einer Mülltonne. Und sie hat geführt.“

Ein Kunde hinter ihnen räusperte sich. Frau Quinte hob beruhigend die Hand, doch es war zu spät.

„Und Sie“, zischte Herr Dur, „würden bei einem Lottogewinn die Steuer ausrechnen und dann kondolieren! Sie sind der einzige Mensch, der bei Sonnenschein einen Termin beim Hautarzt macht!“

„Und Sie sind der einzige Mensch, der bei einem Wasserrohrbruch ‚Endlich mal Bewegung im Haus!‘ sagt.“

„Das war einmal.“

„Das war im letzten Winter. Das Wasser stand im Keller, Herr Dur. Sie standen bis zu den Waden drin und haben gerufen: ‚Schauen Sie, ein See!‘ Und dann haben Sie Papierschiffchen gefaltet.“ – Man hörte das Wort ‚Leittonempfindlichkeit‘. Das Wort ‚Sonnenschein-Terrorist‘. Und ganz leise ‚Trauerkloß‘, was Frau Moll aber geflissentlich überhörte.

Wie geht der Streit aus? Das Finale – und acht weitere Geschichten – gibt es im Buch.

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